Leseproben

Interviewaufnahme

"Ja, Mittags gabs halt immer eine Suppe. Die haben wir am Tisch gegessen. Meine Mutter, meine Schwester und ich. Das war meiner Mutter wichtig, dass wir einmal am Tag beisammen saßen und etwas Gesundes zu essen bekamen. Und die Sitten wurden von ihr streng überwacht."

--> An dieser Stelle fragt die Biographin nach näheren Informationen, nach einem Zeit-, und Lokalkolorit, nach den Geschehnissen und Gefühlen, die mit dem Essen verbunden waren. Und es stellt sich heraus, dass diese Essen mehr Bedeutung hatten.

Text

Die meisten Schulstunden dehnten sich in die Länge - vor allem in Chemie bei Frau Schulte - und ich hatte von der ersten Sekunde des Unterrichts an das Gefühl, dass der Klingelton uns Penäler für immer verlassen hatte. Wiedererweckt wurde er ausschließlich in der letzten Stunde. Da hätten wir ihn beileibe nicht mehr gebraucht, denn eine innere Uhr ließ uns Schüler bereits drei Minuten vor Schluss die Hefte in den Ranzen schmeißen und - wenn Chemie auf die letzte Stunde fiel - Frau Schulte, die bemühlt war die Hausaufgaben noch über unsere Köpfe hinwegzuschreien, zu ignorieren. Es war ja nicht so, dass ich darauf erpicht war, schnellstmöglichst nach Hause zu kommen. Da wartete wie jeden Tag eine Suppe auf mich und jeder Teller wurde von meiner Mutter streng überwacht. Suppe war nun mal das gesündeste und ich wußte, dass es auch das günstigste war, weshalb mir die Suppe aus dem Hals hing. Schon der Geruch, der mir im Treppenhaus entgegenschlug rief bei mir inneren Widerwillen hervor. Meine Mutter sagte immer, dass sich die Suppe von den anderen Essen abheben würde, weil sie nur aus gesunden und frischen Zutaten bestünde. Ich wusste, dass sie am einfachsten zu organisieren war, weil meine Mutter nur eine Stunde Mittagspause hatte. Auf dem ersten Absatz blieb ich stehen, weil es bei Frau Wagner immer Schnitzel gab. Zwei Treppenabsätze weiter bei Frau Resch gab es häufig Pfannkuchen. Sie hatte mich und meine Schwester Rita schon öfter eingeladen und erzählt, dass es ein Essen war, dass allen Kindern schmecken würde. Wir liebten ihre Pfannkuchen, vor allem, wenn Frau Resch ihren selbstgemachten Zuckerrübensirup großzügig darauf verteilte. Meine Mutter machte es umgekehrt. Sie kochte etwas und wir zwei - also meine Schwester und ich - mussten es einfach essen. Rote Rüben, Gelbe Rüben, Kartoffeln, Sellerie - alles schwamm in der klaren Brühe und ich zählte jeden Tag zuerst die Stücke, um einen Überblick zu bekommen, wieviel Löffel ich bewältigen musste. Mein Kopf hing über dem Teller, der auf dem Kunststoffbeschichteten Tisch stand, links und rechts immer die gleichen feinen Risse. Ich drehte mit dem Löffel Strudel in die Suppe, bis ich von meiner Mutter einen schmerzhaften Schnitzer in den linken Musikantenknochen am Ellbogen bekam. Ihr war es wichtig, dass wir gute Tischmanieren lernten, die uns auf ein besseres Leben vorbereiteten. Ihr Traum war es, dass ich Chemiker in der großen Industrieanlage wurde......